Outing.

Ein richtiges Mädchen war ich nie. Ich hasste es Kleider oder Röcke tragen zu müssen, meine ehemals langen blonden Haare fanden direkt nach meiner Kommunion, im Alter von 9 Jahren, den Weg zur Schere und wichen einer Kurzhaarfrisur.
Puppen waren nicht meins, stattdessen spielte ich mit Autos, war ein kleiner Raufbold, kletterte auf Bäume und dergleichen mehr. Ich schaffte es sogar das Tabu zu brechen, in der damaligen Big Band meiner Heimat, in der ich Schlagzeug spielte, als einziges Mädchen auch Hosen tragen zu dürfen, statt der traditionellen Röcke.
Aber zum damaligen Zeitpunkt gab es noch kein Wort für das, was mich umtrieb. Wieso ich mich so unwohl fühlte.
Meine Familie ahnte, wie ich später erfuhr, was los war, hatten aber auch keinen richtigen Namen dafür oder wollten mich mit ihren Vermutungen nicht verunsichern oder beeinflussen, denn untereinander war es wohl schon öfter Thema.
Hier ist ein Teil meiner Geschichte während der Zeit meiner Outings, wobei nur die interessanteren genannt seien. Das Ganze chronologisch, um es etwas einfacher zu machen.

Und nebenbei gesagt, die hier auftauchenden Fotos passen zeitlich natürlich NICHT zu den Erzählungen.

Es war etwa Mitte September des Jahres 2002 als ich zusammen mit meiner Mutter eine Talk Show im Fernsehen sah. Das allererste Mal, dass ich mir überhaupt eine Talk Show bewusst ganz angesehen habe. Es ging um das Thema "Hilfe, meine Tochter will ein Junge sein!" Klang interessant, also ließen wir den TV auf dem Sender laufen. Erster Talkgast war ein junger Mann, genannt M. Er erzählte einiges aus seinem Leben, wie die Eltern von ihm denken, wie er Freundschaften verlor und von seinem Leidensdruck. Dann fiel das Wort: Transsexuell.
Ach so nennt man das also, war mein erster Gedanke. Meine Mutter und ich sprachen kein Wort während der ganzen Sendung, sahen uns nur ab und an wortlos an. Es kamen mehr Personen mit dem gleichen Problem. Und in jeder der Geschichten konnte ich mein Leben erkennen. Mein Leidensdruck, meine Gefühle, meine Gedanken. Von da an war mir klar: Ich bin einer von ihnen.

Doch was mache ich mit dem Wissen? Wusste ich das nicht schon vorher? Sicherlich, wollte ich als Kind doch nie Kleider tragen, niemals mit Mädchen Puppen spielen oder heute gar mit pubertierenden Weibern über Jungs, Make-Up oder Haarstyling reden. Gott im Himmel... was für Themen! Ich weiß nun dass ich ein Problem habe. Wohin damit? Mein erster Gedanke, als die Laufschrift: "Nach der Talk Show, Chat bei... auf der Internetseite...". Super, da schaust du mal hin! Gesagt, getan. Nachdem ich mir also die Sendung mit meiner Mom angesehen habe, setzte ich mich an den PC und fand mich wenige Minuten später in dem besagten Chat wieder. Ich unterhielt mich mit einer Dame aus der Redaktion der Sendung und mit einigen anderen Nutzern. Doch nie kam ein richtiges Gespräch zustande.

Bis mich jemand mit dem Nicknamen "Big_M" ansprach. Wir unterhielten uns lange und tauschten schließlich auch Mailadressen aus. "Super, endlich einer der mich versteht!" war mein Gedanke. Schließlich wusste sonst noch niemand was ich empfand und dass ich eine Geisel in meinem Körper war.
Dann der Hammer: Die Dame der Redaktion warf ein "Danke dass du in der Sendung warst, M.!" in den Chatroom. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. M., hmm, das war die Person, der erste Talkgast, mit dem ich mich am besten identifizieren konnte. Also fragte ich: "M.? Wo ist M.?" Und wer meldete sich? Genau! Jener "Big_M" mit dem ich schon knapp eine Stunde sprach. Ich war platt. Und jetzt erst recht wollte ich Kontakt aufnehmen.

Also entwickelte sich reger Mailkontakt. Adressenaustausch folgte ebenso und schließlich ein von mir 4-Seiten am PC geschriebener Brief an M. Ich hatte schon Angst er würde vor Schreck vom Stuhl fallen. Aber nein, ich bekam einen 8-seitigen handgeschriebenen (!) Brief zurück. M. und ich haben wahnsinnig viel gemeinsam. Und dass es jemanden gibt, dem es ganz genauso wie mir geht, auch wenn M. zwei Jahre älter ist als ich, hat mir einen Kick gegeben: Mensch, jetzt sagst du was Sache ist! Jetzt sagst du, wer und was du wirklich bist!

Nur wie fängt man das an? Ich fragte M. "War reiner Zufall, dass ich mich geoutet habe." Mist! Auf Zufälle wollte ich nicht bauen! Nur, wem sage ich es zuerst? Und vor allem: Wie? Wer käme da besser in Frage ausser meine beste Freundin? OK, die Frage "Wer erfährts zuerst" war geklärt. Nun kam das Schwere. Wie sag ich es?

Lange grübelte ich hin und her. "Hi J., du ich bin transsexuell. Ist das OK?"
Nein, so gehts nicht. Wie wärs mit: "Hallo, weisste was? Ich bin ein Junge gefangen in einem weiblichen Körper!" Um Himmels Willen, das klingt ja extrem! Nein, so auch nicht. Ich fasste mir allen Mut zusammen den ich hatte und fing einfach dann an darüber zu sprechen.
Wie jeden Abend trafen J. und ich uns zum Chatten im Internet. Einen Monat nachdem ich die Talk Show sah, wollte ich das erste Mal mein Geheimnis lüften. Mir war flau im Magen, fast wie Lampenfieber. Dann fing ich an: "Ich habe was festgestellt. Aber versprich mir zuerst, dass du mich nicht wie meine Ex-Freunde sitzen lässt!" Meine Freundin war perplex, sie dachte wahrscheinlich ich würde ihr jetzt weiß der Teufel was sagen. "Ich bin transsexuell." Lange keine Antwort. Ich dachte schon: "Oh Gott, jetzt hast du deiner einzigen Freundschaft einen Dolchstoß verpasst." Aber eigentlich wollte sie nur wissen, wie ich darauf komme. Ich hatte das Gefühl, da würde ein wenig Unwissenheit mitschwingen. Also gab ich ihr ein paar Adressen von Internetseiten, welche ich gesammelt hatte, und wo sie sich informieren konnte. Erster Gesprächspunkt danach: Geschlechtsangleichung. Sprich, eine OP welche mich, von meinem Leiden im weiblichen Körper zu leben, erlösen würde. Dann war der Abend eigentlich schon vorbei. Mist, dabei wollte ich mir gerade Luft machen.

Einen Tag später hatte ich, wie normalerweise jede Woche, einen Termin mit meinem Psychotherapeuten. Auch hier outete ich mich. Doch statt analysierenden Worten folgte nur: "Das ändert jetzt in meiner therapeutischen Arbeit alles!" Uff, ich war platt. Hatte ich einen Fehler gemacht? Er wirkte so verwundert, perplex, ja ratlos. Langes Schweigen. Doch dann: "Aber es erklärt mir auch, weshalb du meinen damaligen Vorschlag, einmal ein Kleid anzuziehen, vehement ablehnst und abgelehnt hast!"
Wir sprachen sogar, das Thema hatte ER angeschnitten, über eine OP, welche mein Leiden möglicherweise nehmen könnte. Doch gleich darauf sagte er mir, er hätte mit der Form von psychischem Druck keine Erfahrung. Erst einmal hatte er einem Mann dazu verholfen, eine Geschlechtsanpassung machen zu lassen. Super und was jetzt? Er sagte mir immer wieder, er könne mir da nicht helfen. Er versuchte zu erforschen, woher denn mein "Drang" kam, ein Mann werden zu wollen. Ich sagte immer wieder, nicht nur wegen der Erzählungen meiner Eltern: "Ich war noch nie ein Mädchen! Puppen, Kleider... Igitt!" Er war sichtlich unsicher und ich damit auch.

Es folgte ein Gespräch mit M. am Telefon. Ich war so verunsichert, dass ich jemand anderen zum Reden brauchte. Meine Freundin war noch bei der Arbeit, sprich nicht erreichbar. Also rief ich M. an. Er sprach mir gut zu, aber die Unsicherheit blieb. Am Abend sprach ich wieder mit J. Ich sagte ihr was passiert war. Wie unsicher ich war und was sie von so einer OP halten würde. Sie sah es, zumindest was die OP anging, sehr objektiv. Immer nach dem Motto: Jedem das seine! Und ich war froh darüber. Das war genau das was ich brauchte. Ich fragte sie, nach langem Überlegen, was sie von mir halten würde, wenn ich so eine OP machen lassen würde. Sie war wie immer ehrlich: "Wenn du es willst, würde ich es akzeptieren. Es wäre gewöhnungsbedrüftig." Auf meine Frage, ob sie mich denn dann allein ließe, kam ein promptes: "NIEMALS!". Das gab mir einen weiteren Kick! Es steht jemand hinter mir.

Doch dann, der nächste Tag folgte und ich konnte mit meiner Mom sprechen. Wie immer fragte sie wie die Therapie am Vortag war. Sie schlauchte, was sonst. Doch dann meine entscheidende Frage, wohl gemerkt ganz allgemein gestellt und keinerlei Beziehung auf mich: "Was hältst du von Geschlchtsumwandlungen... oder besser -anpassungen?" Sie sah mich geschockt an. Mist, es war definitiv der falsche Zeitpunkt zu fragen. Sie kam von der Arbeit, war KO und dann kommt ihre "Tochter" mit so einer Frage. "Würdest du sowas machen, dann..." Was, was dann? Sie schwieg. Hieß das etwa, sie würde dann nichts mehr mit mir zu tun haben wollen? Ich versuchte mich rauszureden. Wieder war die Verunsicherung da. Soll ich den Anderen zu liebe so bleiben wie ich bin? So tun als ob ich damit so leicht umgehen kann, gefangen in einem mir fremd vorkommenden Körper zu sein? Ich Idiot tat es.

Lange schwieg ich um das Thema. Ich wusste nicht was ich tun soll. Dementsprechend litt meine Schulleistung. Immer mehr zog ich mich in mein Zimmer zurück. Ich hatte keinen Appetit mehr, keine Lust etwas zu unternehmen. Ich sprach mit J. Einmal mehr wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Wie erklärt man denn, dass man so einfach nicht klar kommt? "Ja in dem Alter sind die Jugendlichen doch besonders schlimm. 17 Jahre und dann mit sowas kommen." Das las ich auf vielen Homepages von Mitbetroffenen. Und wieder hatte mich J. auf einem schlimmen Tiefpunkt erlebt. Ich war down, wann ist das schon mal nicht so? Aber es war wirklich extrem. Aber meine Freundin machte mir mit einem Satz Mut: "Lass dich nicht unterkriegen! Ich mag dich so oder so!" Wow! Das hatte ich lange nicht gehört. Schon gar nicht wenn es darum ging.

Etwa eine Woche später sprach ich in der Schule meine Religionslehrerin an. Sie weiß eigentlich fast alles über mein Leben. Ich sprach schon ein paar Mal mit ihr, da sie immer merkte, wenn es mir gerade nicht gut ging. Sie verstand mich oder besser, sie versuchte es. Ich sprach sie nach der Schulstunde an und in der darauffolgenden Pause erzählte ich ihr von meinem "neuen" Leiden und sie erzählte mir von ihrem Bekanntenkreis, dass es da zwei ehemalige Mädchen gab, Zwillinge, die beide kürzlich eine Geschlechtsangleichung hatten. Sie versprach mir Adressen zu besorgen, wo ich mich informieren konnte.

Drei Wochen später erhielt ich die Adressen auch. In der gleichen Woche besuchte mich M. Er bat mich um Hilfe ihm eine Homepage zu machen, die wir dann auch tatsächlich innerhalb des Wochenendes fertiggestellt hatten. Dieses Wochenende, die Gespräche mit M., einem Leidensgenossen halfen mir das hier zu schreiben.

Schließlich konnte ich mich dazu durchringen auch zwei Mitschülerinnen aus meiner Klasse, D. und M., zu sagen dass ich TS bin. Ich hatte eigentlich erwartet, da es ja eine reine Mädchenklasse war, dass sie mir Vorwürfe machen oder dumme Sprüche klopfen. Aber meine Befürchtungen waren unbegründet. Wir haben uns im Unterricht Briefe geschrieben. Lange über das Thema gesprochen und sie waren bereit, mich absofort nur noch nach dem neuen Namen zu nennen. Auf den alten Namen hörte ich auch schon nicht mehr wirklich. Da die beiden so gut reagiert hatten, dachte ich so bei mir "Hmm, versuchst du es doch auch noch deiner Religionslehrerin so zu verklickern." Gedacht, getan. Ich ging zu ihr und sagte ihr den neuesten Stand der Dinge. Sie war allerdings nicht so begeistert. Manchmal dachte ich, dass sie mir das ausreden wollte. Aber selbst wenn dem so gewesen wäre, geschafft hätte sie es nicht.

Genauso habe ich es dann auch zuhause mit meiner Mom und meinem Onkel besprochen. Eigentlich redeten die zwei ja zuerst über mich und darüber, dass M. mich besucht hatte. Ich war doch etwas überrascht, dass es scheinbar in der Familie mehr wussten, als mir bewusst war. Auch mein Vater beispielsweise. Er ist nicht gerade der Typ, mit dem man unbedingt über alles reden kann, aber meine Mom meinte, er steht ebenso hinter mir. Mom, mein Onkel und ich sprachen recht lange über das Thema und dass mein Onkel eben auch schon Leute kannte, die den Weg hinter sich gebracht hatten. Das Ende des Gesprächs sagte mir folgendes: "Hey, du stehst ja in der Familie doch nicht so allein da wie gedacht."

Danach hatte ich mich auch bei meiner Tante geoutet. Wir waren essen (mein Dad, Mom, mein Onkel, meine Tante und ich.) Keiner war schockiert und alle meinten, sie hätten das schon lange gewusst. Mit 8 oder 9 Jahren (gleich nach der Kommunion) sagte ich, dass ich NIEMALS wieder Kleider tragen wollte, ob gezwungen oder nicht und ließ mir die Haare kurz schneiden. Naja und da hätten sie schon gewusst was los war. Was man im Nachhinein so alles erfährt.

Tja und am 29.11.2002 schrieben mir 2 "Damen" aus meiner Klasse einen Brief (während dem Unterricht) und fragten, wieso nun "Lyle" auf dem Klassensitzplan steht statt B. Ich erklärte es etwas und sie nannten mich danach auch beim neuen Namen. Sie quetschten mich dann über die Behandlung aus, besonders die Veränderungen durch die Hormongabe interessierten sie. Aber damit war das Thema dann durch.

Schließlich folgte am gleichen Tag noch mein Bruder. Er studierte zu dieser Zeit etwa 200 km von meiner Heimat entfernt und ich sah ihn eigentlich nur alle 2 Wochen. Nach dem Outing auch hier der gleiche Effekt: "Irgendwie war es doch klar. Ich habs nicht gewusst, aber es war sehr naheliegend."
Danke Bruderherz, das hat mir sehr viel bedeutet!

Schließlich habe ich es am 25.12.2002 (toller Zeitpunkt, ich weiß) auch geschafft, mich bei meiner Großmutter zu outen. Wir saßen beim Kaffee und ich hatte den Arm um meine Freundin gelegt. Während wir alle ferngesehen haben, meinte meine Mom zu ihrer Mutter: "Ach ja, wir müssen dir noch was sagen." Oma war recht überrascht. Ich gab ihr einfach mein ausgedrucktes Outing (den Text von dieser Webseite) und sie las es relativ schnell. Sie faltete es wieder zusammen und gab es mir fast wortlos zurück. Einzige Worte, nachdem meine Mom fragte was sie davon hält: "Naja, was soll ich da sagen?" Ich hatte Angst was sie sagen würde. Sie wirkte einfach perplex (verständlich) andererseits aber auch sehr sehr verständnislos. Als ob sie es nicht glauben konnte oder wollte. Meine Mom bohrte wieder nach: "Irgendwie wussten wir es doch oder?" Erneut eine Pause bis meine Oma zögerlich zustimmte. Damit war das Thema vom Tisch.

Am 28.12.2002 fuhr ich mit meiner Freundin zu ihr nach Hause, da sie gut 500 km von mir entfernt wohnte. Und dort, am 30.12.2002, schaffte ich es auch, auf die gleiche Weise wie bei meiner Oma mit mindestens genauso viel Angst, mich bei J.s Eltern zu outen. Ihre Mutter jedoch lächelte etwas. "Was soll ich dazu sagen? Wir nehmen es wie es ist. Wir sind in der Beziehung schon tolerant." Die Nacht davor habe ich mir solche Gedanken gemacht, dass ich nicht schlafen konnte. "Wie sage ich es nur? Nur den Zettel geben?" Ich hatte es dann aber hinter mir und war sehr erleichtert. Denn wie sagt man so schön? Der Eindruck bei den Schwiegereltern (in spe) ist doch das Wichtigste!

Am 12.02.2003 hatte ich ein weiteres Outing bei einem sehr guten Freund der Familie. Meine Eltern und er versuchten sich schon daran mich nicht mehr beim "früheren" Namen zu rufen. Das war teils sehr amüsant, wenn sie sich beim Ansprechen meiner Person mitten im Wort bremsten. Da werden ganz plötzlich oder im Nachhinein aus "Sie" ein "Er" und ähnliches. Mein Onkel war von Anfang an der Einzige, der mich ohne Zögern und Fehler direkt beim Namen "Lyle" rief. Respekt!

Danach folgten noch diverse Outings im engeren Bekanntenkreis, wobei überwiegend alle recht tolerant und interessiert reagiert hatten. Es gab aber auch einige, die den Kontakt danach zu mir abbrachen oder von da an sehr reserviert mir gegenüber waren. Gerade letzteres hatte mich verletzt, aber es zeigte mir nur, wer es wirklich ernst mit einem meint.

Am Aschermittwoch 2003 hatte meine Mom ein Outing - ohne mein Wissen - für mich durchgeführt. Am sogenannten "politischen Aschermittwoch" waren meine Eltern auf einer politischen Veranstaltung, auf der auch der Co-Direktor meiner Schule war. Da das Fernsehteam vom ZDF/WDR auch mal an meine Schule kommen wollte, musste das natürlich auch abgeklärt werden. Also ging meine Mom auch einfach zu Hr. S.-F. und fragte direkt ob das ginge. Er hätte generell nichts dagegen und unterstütze so etwas, nur wollte er wissen warum. Also erklärte meine Mom ihm, dass ich transsexuell bin und ein TV-Team über mich berichten wollte. Er war sofort sehr in ein Gespräch mit meiner Mom vertieft.
Als ich tags darauf in der Schule war, sprach ich den Co-Direktor darauf an, denn ich war doch recht erstaunt als Mom mir das erzählt hatte. Er meinte ich sollte ihm meinen Namen (den neuen wie den "normalen") und meine Klasse auf einen Zettel schreiben, damit er auch dem Direktor Bescheid geben konnte. Das tat ich auch und als wir auf dem Weg ins Klassenzimmer waren, redeten wir noch eine Weile. Er fragte mich wie es nun weiterginge und sagte, dass er voll hinter mir stehe und das sehr mutig fand, dass ich offen damit umging. Am Ende meinte er dann, in mein Ohr flüsternd: "Das war jetzt aber ein Gespräch unter Männern...also pst."
Einer der ganz wenigen in meiner Schulzeit, die es so mit Humor und dennoch ernst nahmen.

Als ich bei J. in für 15 Tage in Urlaub war, hab ich mich endlich dazu durchgerungen noch 3 Outings bei ihrer Family zu machen. Zuerst war ihr Bruder an der Reihe. Ich hab wie immer mein bisheriges Outing aus dieser Homepage ausgedruckt und ihm gegeben. Immerhin 5 Seiten. Er las es und hat eine akzeptable Haltung mir gegenüber. Immer nach dem Motto: "Irgendwie hatte ichs geahnt." Danach kam gleich der Vater dran. Da hatte ich mehr Bammel. Die Nacht davor konnte ich nicht schlafen, war wahnsinnig nervös. Wie auch immer, auch er las das Outing, während J.s Mom, ihr Bruder und ich im Nebenzimmer waren und PlayStation 2 gespielt haben. Der Vater kam rein und gab mir den Zettel, hob den Daumen an und meinte beim Gehen "Cool Lyle, cool!" Wir haben uns nur alle perplex angesehen. Und als dann 2 Tage später J.s Oma noch kam und wir schon dabei waren, hab ich auch ihr das Outing gegeben. Sie hat lange gelesen und wieder die Reaktion: "Find ich cool!..." Irgendwie dachte ich, ich bin im falschen Film. Aber hätte es denn besser laufen können? Wohl eher nicht!

Die Zustände in der Schule dagegen wurden allmählich unerträglich. Meine Klassen"kameradinnen" warfen mir vor, ich hätte sie beim Umziehen für den Sportunterricht bespannt und andere wenig lustige Späße.
Bis auf wenige Personen, die damit neutral oder gar positiv umgingen, war es die reinste Hölle.

Schließlich gab es 2003 noch ein Schlüsselereignis, das den Wunsch, endlich dieses "verdammte Kaff" verlassen zu können, ins Unermessliche steigerte.
Ich war auf dem Heimweg als mich mehrere Teenager anpöbelten, unweit von meinem Zuhause. Ich versuchte sie zu ignorieren, doch statt es gut sein zu lassen, folgten sie mir und letztlich trat mir dann einer von hinten in die Knie. Ich ging zu Boden, spürte dann nur mehr starke Schmerzen, als sie auf mich eintraten und schlugen.
Ich wurde irgendwann später im Krankenhaus wach. Meine Nase war gebrochen, gebrochene Rippen, etliche Schürfungen, Prellungen etc pp.
An dem Tag schwor ich, diesem Kaff schnellstmöglich den Rücken zu kehren. Es dauerte aber noch vier Jahre, bis ich dies schaffte.

Am 04. Juni 2004 bekam ich dann endlich, nach vielen Terminen bei Ärzten, Gutachtern, etc pp. meine erste Testosteronspritze. Die folgenden Veränderungen, die ihr ja an anderer Stelle hier auf der Webseite sehen könnt, sorgten dann doch bald dafür, dass zumindest die Sprüche, dass es ja nur eine pubertäre Spinnerei sei, aufhörten. Dumme Blicke kassierte ich nach wie vor, aber das war egal. Ich war es gewohnt und von daher tangierte es mich kaum mehr.
Und als 2005 dann die OPs folgten und ich buchstäblich "platt" war, waren es wirklich nur noch Blicke der Verwunderung. So auch bei meinem ersten Freibadbesuch nach meiner "Obenrum-OP". Viele der - vor allem älteren Dummschwätzer - verstummten dann sehr sehr schnell.

Im August 2007 - sehr kurz nach dem Tod meiner Mutter - zog ich dann endlich weg aus Füssen in das wundervolle Köln.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Denn solche Sprüche wie "Sowas wie dich hat man früher vergast", die ich in meinem Geburtsort zu hören bekam, blieben mir hier in Köln gänzlich erspart!

Jetzt lebe ich vollkommen etabliert als Mann. Niemand sieht mir meine Vergangenheit an - außer ich muss mich mal komplett ausziehen, was ja eher selten ist.
In meiner Ausbildung als auch an dem danach gefolgten Arbeitsplatz wussten bzw. wissen einige Bescheid und es gab niemals Probleme.
An meinem jetzigen Arbeitsplatz weiß kaum jemand Bescheid - nur jene, die mit mir den Arbeitsplatz gewechselt hatten (von einem Amt in ein anderes, Danke liebe Zeitverträge... hmpf) - und von denen hatte keiner Probleme damit.
Insgesamt wissen alle, mit denen ich mich so umgebe, um meine Vorgeschichte und nicht einer - nicht einer! - hatte da Probleme oder hat es zumindest für sich behalten. ;-)
Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Denn solche Sprüche wie "Sowas wie dich hat man früher vergast", die ich in meinem Geburtsort zu hören bekam, bleiben mir hier in Köln gänzlich erspart!

Also Leute, ich rate euch an dieser Stelle:
Haltet durch und geht den Weg so weit ihr wollt zu Ende! Es lohnt sich!

.:2014 - JLB